Stuhlsitze aus Rohrgeflecht

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Flechtkurs

Vorarbeiten am Stuhl

Bei der Erklärung gehe ich von einem einfachen Gründerzeitstuhl mit trapezförmiger Sitzfläche aus und beschreibe das Achteckmuster, auch Sechs-Schritt-Muster genannt.

Meist ist die alte defekte Stuhlbespannung noch vorhanden. Wenn wir noch keine Erfahrung haben, oder bei einem nicht ganz einfachen Muster, sollten wir uns zunächst eine Zeichnung des Musters anfertigen oder - noch besser - das Muster fotografieren. Wichtig ist, daß wir erkennen können, an welchen Stellen Abweichungen vom einfachen Verlauf auftreten, wo zum Beispiel zusätzliche Rohrenden in eine Bohrung führen oder ähnliches.

Nachdem wir uns solche Aufzeichnungen gemacht haben, entfernen wir das alte Geflecht. Dazu zerschneiden wir die Rohrenden unterhalb der Stuhlfläche mit einen kleinen Seitenschneider und ziehen das Geflecht nach oben heraus. Sind Löcher verdübelt, schlagen wir die Dübel mit einem Dorn aus. Die Stuhlfläche und die Bohrungen werden zum Schluß von Staub gereinigt. Wenn die Oberfläche des Stuhles in Ordnung ist, können wir jetzt mit dem eigentlichen Flechten beginnen.


Vorarbeiten zum Flechten

Für die ersten drei Arbeitsschritte suchen wir uns möglichst lange Rohrenden aus. Die Rohrenden weichen wir in kaltem Wasser etwa 2 Minuten ein und schlagen sie danach bis zur Verwendung in ein feuchtes Tuch locker ein - vielleicht in der Badewanne. Wir sollten nur so viele Enden vorbereiten, wie wir in der nächsten halben Stunde verarbeiten können. Das sind für die ersten Arbeitsschritte etwa 3 bis 4.

Schritt 1

Wir überprüfen zunächst, ob der Stuhl oben (an der Lehne) und unten die gleiche Anzahl von Löchern hat. Dann können wir an einer Seite beginnen, wobei es egal ist an welcher und ob oben oder unten.

Hier beginnen wir links oben. Das Eckloch lassen wir frei und fädeln in das Loch des oberen Brettes rechts daneben ein Rohrende ein. Wir lassen es 10 - 15 cm unten rausstehen und pflocken es fest. Wir ziehen das lange Rohrende durch das Loch rechts vom Eckloch im unteren Brett. Dabei lassen wir das Rohr durch die Finger gleiten um sicherzustellen, daß das Rohr sich nicht verdreht. Es muß immer die glatte, etwas glänzende Seite des Rohres oben sein!

Das Rohr pflocken wir in der unteren Bohrung fest. Dieses erste eingezogene Rohr, und auch alle nächsten, darf nicht gespannt sein. Im Gegenteil es muß so locker sein, daß es sich in der Mitte etwa um Brettstärke durchdrücken läßt.Das ist ganz wichtig! Die Spannung ergibt sich erst in den letzten Arbeitsschritten ab Schritt 4. Ist sie hier schon zu groß, können wir die letzten Lagen nicht mehr durchflechten und müssen von vorn beginnen!

Wie locker die Rohre hier sein müssen ist von der Größe der Sitzfläche abhängig - je größer die Fläche, desto lockerer. Hierzu gehört etwas Erfahrung, die man sich erst erwerben muß!

Das Rohr wird jetzt durch das nächste Loch rechts wieder hochgeführt und festgepflockt. Die Schlaufe unter dem Brett sollte fest anliegen. Jetzt ziehen wir das Rohr durch das nächste Loch im oberen Brett usw.

Das Rohrende muß nicht für die ganze Lage reichen. Reicht es nicht, was im allgemeinen der Fall sein wird, dann pflocken wir das Ende fest und schneiden es auf 10 - 15 cm ab. Wir führen die Arbeit mit einem weiteren Rohrstück fort. Wir sind mit dem ersten Schritt - der ersten Lage - fertig, wenn wir an der rechten Seite neben einem Eckloch angekommen sind. Entweder oben, oder unten, je nach Anzahl der Löcher.

Schritt 2

Im zweiten Schritt wird die erste horizontale Lage ausgeführt. Es wird noch nicht geflochten. Die Rohrenden liegen glatt über der ersten Lage. Für die Spannung gilt das, was ich beim Schritt 1 gesagt habe.

Wir beginnen unten rechts neben dem Eckloch und kommen irgenwann oben rechts oder links an.

Schritt 3

Beim dritten Schritt ist die zweite horizontale Lage dran. Auch hier wird noch nicht geflochten. Weil wir bei Schritt 1 oben links begonnen haben, beginnen wir nun unten links. Damit erreichen wir, daß die Schlaufen unter der Sitzfläche nicht alle übereinander liegen.

Wenn wir die Rohrenden in den Löchern festpflocken, versuchen wir, daß wir die erste, im Schritt 1 entstandene vertikale Lage leicht nach links schieben. Dann werden wir es im Schritt  4 leichter haben.

Schritt 4

Die zweite horizontale Lage wird geflochten. Wir beginnen unten links. Die bei Schritt 2 gespannte erste horizontale Lage schieben wir etwas in Richtung Stuhllehne und flechten diese zweite horizontale Lage zur Vorderseite des Stuhls hin ein.

Dabei gehen wir unter der im Schritt 1 entstandenen ersten vertikalen Lage durch und gehen danach über die im Schritt  3 entstandene zweite vertikale Lage hinweg. Je nach schon entstandener Spannung können wir das Rohr bis zur Hälfte durchflechten und dann den Rest nachziehen. Eine Hand ist dabei oben, die andere unten.

Wenn wir diesen Schritt beendet haben, richten wir das Muster aus. Die Abstände der Bohrungen sind in diesen alten Stühlen immer ungleichmäßig. Hier müssen wir Augenmaß haben, damit der Eindruck von Gleichmäßigkeit entsteht. Doch keine Angst, das Einziehen der Diagonalen in den nächsten Schritten gleicht noch manches aus!

Schritt 5

Nun geht es an die erste Diagonale. Wir beginnen in dem Eckloch rechts unten, wo wir ein nicht zu langes Rohrende festpflocken. Das Rohr ziehen wir unter der ersten Vertikalen (von rechts) durch und überqueren dann die erste Horizontale (von unten). Dann unterqueren wir die zweite Vertikale und überqueren die zweite Horizontale. Wenn die Anzahl der horizontalen Löcher gleich ist der Anzahl der vertikalen Löcher, kommen wir genau am Eckloch oben links an.

Was ist wichtig?

  • Die diagonalen Rohrenden müssen in dem Schlitz zwischen Vertikaler und Horizontaler zu liegen kommen!
  • Wir unter-/überqueren immer nur etwa 3 bis 4 Vertikal-/Horizontalpaare - sonst wird der Zug zu stark. Wenn wir über diese Anzahl das Diagonalenrohr ganz durchgezogen haben, ziehen wir fest, aber mit gefühl, an.
  • >Da das Diagonalenende sich beim Durchziehen zwischen vertikaler und horzontaler Lage reibt, sollte es nicht nicht so lang sein wie in den Schritten 1 bis 3, und auch - je nach der schon entstandenen Spannung - kürzer als in Schritt 4.

Wir sind nun also - wie zur Einfachheit vorausgesetzt wurde - am Eckloch oben links. Dort gehen wir nach unten und im benachbarten Loch am linken Seitenteil wieder hoch. Nun flechten wir in analoger Weise wieder nach unten rechts zurück. Dann geht es wieder hoch usw. Die Hälfte dieser Diagonalen haben wir geschafft, wenn wir die kleine Diagonale neben dem Eckloch unten links gezogen haben.

Bei der zweiten Hälfte dieser Diagonalen beginnen im Eckloch wir oben links und arbeiten nach rechts. Wir unterqueren auch hier die Vertikale und überqueren die Horizontale.

Schritt 6

In dem letzten Schritt flechten wir die Diagonale von unten links nach oben rechts. Der Ablauf ist der gleiche wie im Schritt 5, nur daß wir mit der ersten Hälfte im Eckloch unten links und mit der zweiten Hälfte im Eckloch oben rechts beginnen. Wir überqueren nun immer die vertikale und unterqueren die horizontale Lage.

Abschließende Arbeiten

Es gibt mehrere Möglichkeiten, die Arbeit zu vervollständigen:

  • Die nach unten herausragenden Rohrenden werden lediglich verknotet und abgeschnitten. Das ist die schnellste, aber nicht die beste Methode.

  • In jedes Loch wird ein Pflock eingeschlagen. Diese Methode wird oft bei antiken Stühlen angewandt. Die Pflöcke sollten etwas kürzer als die Dicke der Zarge sein, damit sie unten nicht herausstehen. Sie sollten sehr fest sitzen, damit sich die unten herausstehenden Rohrenden nicht herausziehen. Die Pflöcke werden mit dem Hammer leicht, und dann - unter Zuhilfenahme eines Dorns - vollständig eingeschlagen. Niemals einen Pflock mit dem Hammer ganz einschlagen - die Zarge könnte beschädigt werden !
    Die Rohrenden werden danach abgeschnitten.

  • Die Löcher werden mit breiteren Rohrschienen (Nr. 4) verblendet. Diese Verblendung wird bei jedem zweiten Loch befestigt, indem wir eine langes Rohrstück in einer Schlaufe durch das Loch hoch und wieder runter führen.
    Zunächst müssen wir auszählen, wo diese Schlaufen hinkommen. Die Ecklöcher bleiben frei und dann jedes zweite Loch für die Befestigungsschlaufen. Geht es nicht auf, dann müssen wir irgendwo den Abstand größer oder kleiner wählen. In die Löcher, die nicht für die Schlaufen genutzt werden, schlagen wir Pflöcke. Wenn in einem Schlaufenloch ein Rohrstück endet, führen wir es in einem benachbarten Loch hoch, um es mit einem Pflock befestigen zu können.
    In einem Eckloch werden jetzt die breitere Verblendungsschiene und die Befestigungsschiene mit einem Haltepflock festgeklemmt. Die Befestigungsschiene wird durch das benachbarte Loch nach unten gezogen. Dann wird es in dem nächsten Loch nach oben geführt, um die Verblendungsschiene gelegt, und wieder nach unten geführt. Die Schlaufe wird festgezogen.
    So geht es weiter, bis wir am nächsten Eckloch angekommen sind. Dort wird die Verblendungsschiene nach unten geführt und zusammen mit einer neuen Verblendungsschiene für das näste Zargenteil festgepflockt. Wir befestigen nun auch diese Verblendungsschiene auf die oben beschriebene Art. Sind wir ganz herum und am Ausgangspunkt angelangt, ersetzen wir den Haltepflock durch einen richtigen Pflock.
    Die unten herausstehenden Rohrenden können jetzt abgeschnitten werden.

(C) Schäfer/Backhus 2003o